Liegt in Puch eine Zukunft?

Juli 23, 2007 at 5:21 pm (Blogroll)

Puch am letzten Samstag. Auch in diesem Jahr hat der Bauer die Wiese am Hang zur Verfügung gestellt. Die Bühne steht im Waldrand, das Klo neben dem Schweinestall. Die Fehlfarben waren angekündigt und spielten auch. Spät, gegen halb zwei in der Nacht – die Wiese hatte sich mittlerweile in ein Schlammfeld gewandelt. Regen. Dauerregen.

 Bild dir ein du bist Lotse und hältst das Steuer
 mitten im Ozean spielst du mit dem Feuer
 Sprich fremde Sprachen im eigenen Land
 Zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand

 (Fehlfarben – Rhein in Flammen, 2002)

Peter Hein muss nicht viel tun; er muss nur dastehen, vor dem Mikro und es ist so einfach für ihn, den Ms John Sodas, den Hidden Cameras, den Monostars und zudem der anwesenden Dorfbevölkerung klarzumachen, was er will, wie’s geht, wie man’s macht.

 – wer spielt denn da jetzt?
 – die fehl…farben, die machen so punk, so
 – ah, so mit bunten haaren?
 – nee, ich weiß nich, eher nich
 – hm
 – die sind echt gut
 – ah, wo kommen die her? aus london?
 – weiß nich, so aus berlin oder so
 – und wie lange gibt’s die schon?
 – so zwei jahre, aber die sind echt gut.
 – danke
 – ja, kann sein, dass die mal früher bunte haare hatten. aber die sind gut, echt.
 
Die Fehlfarben, Punklegenden aus Düsseldorf. Bunte Haare hatten sie nie, spielen seit 1979, haben Nachfolger geprägt, unter der NDW gelitten („Es geht voran“), sich darum aufgelöst, bei Xerox gearbeitet und vor wenigen Jahren wieder zusammengefunden. Ihre letzte Platte „Handbuch für die Welt“ bekam manch schlechte Kritik. Es wäre vorbei, schreibt man, es wäre nicht mehr ’79; Wackersdorf wäre auch weg und die Startbahn-West sowieso. Und außerdem läge die Zukunft der Musik woanders.

 Rund um die Uhr
 Weiß jeder wo jeder ist
 Keine Sekunde in der du unerreichbar bist

 Ununterbrochen fällt es über mich her
 Ich kann nicht mehr
 Ich kann nicht mehr

 Das Handbuch für die Welt
 Das hat bei mir gefehlt
 Das Handbuch für die Welt
 Das hab ich nachbestellt

 (Fehlfarben – Handbuch für die Welt, 2007)

Gegen drei sind auch die Fehlfarben nass: der letzte Song schleicht aus den Lautsprechern. Schnell hinter die Bühne, man will ja seine „Monarchie und Alltag“ signiert haben, von Peter Hein, dem legendären Janie J. Jones.

 – hallo peter, klasse konzert.
 – oh, danke, ja, nass
 – sag mal, du signierst mir bestimmt schnell ne platte
 – hastn stift?
 – ja klar, hier, nimm den kuli
 – hm, der schreibt nicht, der ist nass, oder liegt das an der beschichtung?
 – das ist die neuauflage, die ist so beschichtet. hier, der schreibt
 – ja, die gabs ja nie so richtig im original, früher war alles besser, der stift schreibt
 – oh, super
 – nee, der schreibt doch nicht, irgendwie, die beschichtung, mann, nass alles hier
 – ich hab hier noch einen, probier den mal
 – eh, ich kratz die dir hülle kaputt, ich kann das jetzt so eingravieren in die beschichtung
 – der sollte aber schreiben, oder ist der auch nass?
 – ja, scheiss wetter, du, das geht jetzt nicht so, haste n edding
 – nee
 – na, junge, dann lass uns das das nächste mal machen, wir sind bald wieder da
 – ohh, ja, gut dann beim nächsten mal, ich bring dann nen edding mit
 – ja, mach mal, bis dann. mensch, hier ist alles nass, wir gehen unter.
 
Die Rückfahrt in die große Stadt. Durch den Wald, durch Dörfer, an den Äckern vorbei.
„Meinst Du, die Zukunft der Musik liegt in Puch? Nachts um halb zwei, direkt neben dem Schweinestall?“, frage ich meinen Nebenmann.

 Die Zukunft wird auch nicht bewältigt
 der Kopf ist größer als der Hut
 ich weiß nicht mehr woher der Wind weht
 ganz egal was im Wetterbericht steht

 (Fehlfarben – Hier und Jetzt, 1980)

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3 Kommentare

  1. Joachim said,

    Surftipps zu diesem Beitrag:
    Fehlfarben-Homepage: http://www.fehlfarben.com
    Verschwende Deine Jugend: http://www.gesellschaftsinseln.de/punkbuch/index.html
    Club der schönen Mütter (Video mit Charlotte Roche): http://www.youtube.com/watch?v=GeEwuMKocK4

  2. Court said,

    jetzt kennich dich schon so lange, dass du auch ein Dichter (b)ist mir neu, zuviel mi’m Dobler-Franz gelabert ? greetz c.

    Genau! Ich blogge mit dem Franz (http://www.franzdobler.de/blog/) ab sofort um die Wette und wer das dümmste Zeugs schreibt, fliegt zum SXSW.
    J.W.

  3. akai said,

    bestimmt nicht in puch und schon gar nicht bei dem scheißwetter. für beides sind fehlfarben bestimmt nicht verantwortlich. wohl aber für viele gute sachen die die einzelnen bandmitgliederinnen im laufe ihrer jahre ab mittagspause ausprobierten. bis auf saskia von kitzing (dr) äußert sich die ganze meute inklusive thomas schwebel im buch „verschwende…“. daher fehlfarben bitte nicht auf peter „family five“ hein reduzieren. thomas schwebel setzt zwar seit den „knietief..“ touren seit letztem jahr aus, aber ansonsten alle dabei. michael kemner war früher schon bei deutsch amerikanische freundschaft, kurt „pyrolator“ dahlke und frank fenstermacher bei der plan, uwe jahnke bei s.y.p.h. und unter anderen auf diversen holger czukay platten wie „on the way to the peak of normal“ dabei. das stück „ode to perfume“ daruf ist eine meiner top 10 inselsongs überhaupt. ansonsten haben fehlfarben heutzutage immer noch was zu sagen auch wenn es kleinere engagements und nicht den geschmack großer plattenfirmen trifft, die ja heutzutage lieber auf unpolitische „karpatenhund“, „revolverheld“, silbermond“ und ähnliche seuchen setzen, von denen sie meinen, daß tenniekonsumenten und mainstreamradio-roboter-selektiermaschinen denen ein zeitgemäßes gehör verschaffen. fehlfarben stehen textlich wie musikalisch wennauch nicht lifestylemäßig immer noch eher für das erbe von „ton steine scherben“ wo man sich in germanien noch über gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche mißstände befaßt, die jeder totschweigt, weil so getan wird als ob nur noch seichtes teenie-geblubber „in“ ist. hauptsache maul halten und die ideale von gestern mit füßen treten. sehe gar nicht ein daß zu tun wo es in den aktuellen texten doch nur so von genialer globalisierungskritik wimmelt – scheiß auf alle heuchlerischen heiligendamm oder live earth bands (bis auf roger waters), fehlfarben sind das eigentlich wahre sprachrohr meiner generation – nur gut daß die nicht dabei waren bei diesem verlogenheitszirkus mit bono, grönemeyer und konsorten. lang lebe die revolution. außerdem groovt mich deren musik mehr. daß die bei keinem majorlabel veröffentlichen ist ehrlich. nicht umsonst wurde peter hein von frank spilker (die sterne) unlängst zu seinem gesangspartner auserkoren, da er dessen ideale teilt. keinerlei abweisung unter gleichgesinnten. keine arroganz gegenüber den gleichen idealen. so muß es sein. scheiß auf puch, scheiß auf den regen. hier ist die zukunft, und nach den sternen wird es wohl auch anderere jüngere nachfolger geben, die in die fußstapfen treten. atatak sei dank. lang lebe die revolution. akai

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